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Profi mit 16: Roman Kechter über zitternde Hände und Kumpel Kucherov

Sein Profi-Debüt im Alter von 16 Jahren in der DEL zu geben ist etwas Besonderes. Es bringt aber auch besondere Herausforderungen mit sich. Etwa das Spielen mit Vollvisier oder die simple Frage, wie man ohne Führerschein und Auto vom Elternhaus zum Training und Spiel in die Eishalle kommt. Das und noch viel mehr meistert Roman Kechter von den Nürnberg Ice Tigers in der Saison 2020/21 mit viel Ruhe, Bescheidenheit und Fleiß.



Eishockey-Profi mit 16? Dieses Abenteuer geht Kechter mit viel Höflichkeit und Demut an. „Wenn ich sehe, dass ein älterer Spieler im Gang an mir vorbei möchte, dann bleibe ich an der Seite stehen und lasse ihn als erstes vorbeilaufen“, erzählt er. „Ich sammle auch immer die Pucks ein, das stört mich überhaupt nicht, davon geht die Welt nicht unter.“ Auch wenn er über seinen Trainer Frank Fischöder spricht, nennt er ihn nicht wie im Hockey üblich „Coach“ oder „Frank“, sondern „Herr Fischöder“. „Man ist immer respektvoll“, betont der Teenager. 

Das gilt auch für seine Mitspieler. Hier greift Kechter zum „Du“. Sie helfen dem Eigengewächs beim Sprung in den Profi-Bereich – und bei den Herausforderungen des Alltags. „Ich habe das Glück, dass mich mein Vater oft zum Training und zu den Spielen fahren kann. Wenn er arbeiten muss, dann haben aber auch die Jungs kein Problem damit, mich abzuholen. Oft ist es Olli (Oliver Mebus, d. Red.) und Patrick (Reimer), aber auch Marcel Kurth nimmt mich mit“, plaudert das Talent, das im Februar seinen 17. Geburtstag feierte, aus dem Nähkästchen.


Kechter debütiert als Verteidiger: „Meine Hände haben gezittert“  

Auch vor seinem ersten DEL-Spiel, damals noch als 16-Jähriger, nahmen ihn Mebus (28) und Reimer (38) mit in die Arena im Südwesten der Lebkuchenstadt. An jenem 10. Januar 2021 musste der Stürmer aber mit weit mehr Dingen umgehen, als mit einem Eishockey-Spiel gegen die Straubing Tigers.

„Vor dem Spiel hatten wir Frühs Training. Wir hatten ein paar verletzte Verteidiger, also ist Herr Fischöder zu mir gekommen und hat mich gefragt, ob ich auch Verteidiger spielen kann. Ich habe in den Trainings davor schon als Verteidiger trainiert und habe gesagt, dass das eigentlich schon gehen und ich mein Bestes geben würde. Also sollte ich mich darauf vorbereiten“, blickt Kechter zurück. „Dann ging es los: Meine Hände waren am Zittern. Normalerweise schlafe ich immer eine halbe oder dreiviertel Stunde vor dem Spiel, ich konnte aber nicht einschlafen und bin durch die Wohnung gerannt. Mein Vater hat mich ausgelacht und gesagt: ‚Roman beruhige dich mal, setze dich hin und trinke einen Tee.‘ Ich konnte es aber nicht machen und war brutal am Rumhüpfen.“

Die Nervosität konnten ihm erst der Kapitän und Assistenzkapitän im Auto ein wenig nehmen: „Oli und Patrick sind zu mir gekommen und haben mich abgeholt. Dann hat es sich ein bisschen gelegt. Sie haben mir gesagt, dass das beim ersten Spiel völlig normal ist. Als wir dann in der Halle waren, war es dann schon in Ordnung. Beim Warmup war es nochmals eine neue Erfahrung und direkt vor dem Spiel war das Händezittern wieder da. Vor den Spielen bin ich eigentlich immer ein wenig aufgeregt, aber so war es noch nie.“


In der Ruhe liegt die Kraft  

All das war dem eigentlichen Stürmer nicht anzumerken. Der Rookie erledigte seinen Job mit Ruhe und fiel nicht negativ auf. „Wenn der Puck das Eis berührt, dann verfliegt alles und ich vergesse alles außenherum“, erklärt Kechter. Zudem erhielt er nach jedem Wechsel Tipps von den Teamkollegen. „Wenn ich nachfrage, bekomme ich direktes Feedback. Ich versuche, so viel nachzufragen wie möglich, damit wir es im Training und im Spiel verbessern können. Auch Oli hilft mir als Verteidiger und sagt mir, wie ich besser stehen und besser für ihn anspielbar sein kann. Patrick sagt das auch immer.“

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Ganz am Anfang als Verteidiger und danach auch auf seiner Lieblingsposition im Sturm erhielt Kechter immer mehr Eiszeit, trat unbekümmert auf und erspielte sich gute Chancen. Was seinen Stil ausmacht? „Ruhiges Eishockey und viele Pässe“, erklärt der Linksschütze. 


In einer Achterbahnfahrt zum ersten Profi-Assist  

So ließ auch sein erster DEL-Assist nicht lange auf sich warten: Am 3. März 2021 (3:4 n.P. gegen die Schwenninger Wild Wings) gab Kechter seine erste Vorlage als Profi. „Das Problem war, dass ich davor schon ein paar Tore hätte schießen können“, lacht er. „Das Spiel war wie eine Achterbahnfahrt. Dann war es ein Zwei-auf-Eins in der Ecke, ich habe Corni (Eric Cornel) einen Pass zugespielt und wollte, dass er direkt schießt. In meinem Kopf war nur: ‚Bitte schieß ein Tor! Bitte schieß ein Tor!‘ und dann sehe ich, dass er nochmal rüberlegt und ich dachte mir: ‚Okay, hoffentlich steht da jetzt einer.‘ Schmölzi (Daniel Schmölz) war da und hat ihn reingemacht. Ich war unglaublich froh. Man ist stolz darauf und freut sich auch. Aber man weiß auch, dass man jetzt weiterspielen muss.“

Mittlerweile hat sich Kechter aus den Bottom-Six- in die Top-Six-Reihen vorgearbeitet und bildete zuletzt eine Linie mit Cornel und Reimer. „Es ist irgendwie etwas Großes“, findet Kechter. „Am Anfang war ich sehr aufgeregt und wollte keinen Fehler machen. Dann hat Patrick zu mir gesagt: ‚Beruhige dich, das ist kein Problem.‘“


In Nürnberg tief verwurzelt – „Underager“ in Schweden  

Es hat deshalb so eine große Bedeutung für Kechter, weil er in der Frankenmetropole tief verwurzelt ist. „Es ist meine Kindheit. Ich bin hier aufgewachsen, alle meine Freunde wohnen hier. Es ist ein gewisser Stolz und eine Ehre, hier spielen zu dürfen, weil ich von klein auf immer bei den Profis zugesehen habe.“ 

2019 aber verließ Kechter den EHC 80 Nürnberg, bei dem er unterfordert schien (30 Spiele, 41 Tore, 41 Assists) und schloss sich für ein Jahr der höherklassigen U 17 des EV Regensburg an (25 Spiele, 27 Tore, 18 Assists). Die Saison 2020/21 begann er in Schweden als „Underager“ bei der U 18 (acht Spiele, drei Tore, vier Assists) und der U 20 (fünf Spiele) von Rögle BK. „Das Junioren-Eishockey in Schweden unterscheidet sich technisch sehr stark. Es ist viel schneller und ich habe das Gefühl, dass dort alle viel größer sind als hier. Das war etwas Neues für mich. Ich war auch in meiner Altersklasse einer der Kleinsten. Aber man findet sehr schnell hinein“, so der 1,77 Meter große Angreifer.

Doch aufgrund der Coronavirus-Pandemie stellten die schwedischen Juniorenligen wie auch die in Deutschland den Spielbetrieb ein. Als der Anruf aus seiner Heimat kam, musste Kechter nicht lange überlegen: „Ich hatte die Wahl, in Schweden zu bleiben und nur zu trainieren, oder nach Hause zu kommen, um zu spielen. Ich wollte spielen. Also haben wir die Details geklärt. Ich war unglaublich froh, dass ich wieder spielen darf.“


Die Umstellung auf Männereishockey  

Bei den Ice Tigers ging es plötzlich nicht gegen viel größere Gleichaltrige, sondern gegen routinierte Männer. „Männereishockey ist härter, schneller, man hat auf dem Eis nicht so viel Zeit, um nachzudenken. Auch die Fehler werden direkt bestraft. Wenn man etwas falsch macht, dann geht es schnell in die andere Richtung und es klingelt im Tor“, weiß Kechter, der sich so viel wie möglich von seinen Mitspielern abschauen möchte: „Man kann von jedem etwas mitnehmen, natürlich von Patrick ReimerTom GilbertOliver MebusLuke AdamEric CornelChris Brown - das sind alles super Typen, die einem weiterhelfen. Man sieht viele Routinen, die man sich abschauen kann.“

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Mit Fischöder hat Kechter bei den Ice Tigers zudem einen Trainer, der über Jahre sehr erfolgreich bei den Jungadlern Mannheim gearbeitet und Spieler wie Leon Draisaitl und Dominik Kahun unter seinen Fittichen hatte. Ob Kechter einen ähnlichen Weg einschlagen wird? „Jeder Spieler ist anders. Diese Vergleiche hinken immer etwas“, sagt Fischöder. „Die Entscheidung, wohin der Weg geht, wird in den nächsten zwei Jahren getroffen. Er hat die Möglichkeit, das Talent und das Potenzial ist da. Was wichtig ist: Er hat eine gute Arbeitseinstellung, arbeitet jeden Tag hart an sich. Das ist die Basis für alles. Er ist sehr stark, stabil, reif in seiner Entwicklung, diszipliniert, technisch sehr gut ausgestattet und hat einen guten Zug zum Tor. Man wird sehen, wohin der Weg führt.“


Zukunft in der NHL?  

Vielleicht sogar in die NHL? Kechter wäre berechtigt, im Draft 2022 gezogen zu werden. Gedanken an die beste Eishockey-Liga der Welt aber macht sich der 17-Jährige noch nicht. „Ich denke noch nicht an die NHL und versuche immer, in der Gegenwart zu leben. Ich möchte nicht spekulieren, was in der Zukunft passiert, sondern lasse alles auf mich zukommen. Was passiert, das passiert.“

Während in Nürnberg ein regelrechter Hype um das Eigengewächs entstanden ist, versucht Kechter gegenzusteuern. „Da macht mein Berater einen guten Job: Ich kenne das von Freunden, die bekommen schnell einen Höhenflug, wenn sie mitbekommen, wenn ein Team Interesse hat.“ Entsprechend weiß Kechter auch nicht, ob bereits ein NHL-Klub angeklopft hat. „Mein Berater teilt mir so wenig wie möglich mit. Ich weiß gar nicht, ob Teams aktuell Interesse haben oder nicht. Das ist auch gut so. So bin ich mit dem Kopf im Hier und Jetzt und nicht irgendwo anders.“


Eine WM mit Kumpel Kucherov  

Spielen würde Kechter freilich für jedes der bis dahin 32 Franchisen. Trotzdem gäbe es einen geheimen Favoriten: „Gerade sind es die Tampa Bay Lightning“, erzählt Kechter und erklärt, warum: „Es ist schön warm dort und Nikita Kucherov ist mein Lieblingsspieler, den ich auch persönlich kenne. Über meinen Taufpaten, mit dessen Familie wir gut befreundet sind. Wir sind zusammen zur WM nach Bratislava. Dort war ich mit Kucherovs Mutter in einem Hotel. Nach den Spielen waren wir immer zusammen essen. Das war ganz cool.“

Welchen Weg Kechter in der kommenden Saison 2021/22 einschlagen wird, ist dagegen noch völlig offen. Eigentlich steht der nach Nürnberg ausgeliehene Stürmer weiter bei Rögle BK unter Vertrag. Die Ice Tigers aber wollen den Publikumsliebling unbedingt halten. „Es ist eine schwere Frage“, sagt Kechter. „Es gibt Argumente für Schweden und Argumente für Deutschland. Ich weiß es noch nicht und werde es am Saisonende abwägen.“

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